Freitag, 7. April 2017

Die saisonale Wahrheit

Von den Erzählungen meiner Oma aus dem Krieg bzw. den ersten Tagen nach dem Krieg ist mir besonders in Erinnerung geblieben, wie katastrophal es war, dass der Krieg im Mai endete (und nicht früher). Denn als sie von der Evakuierung zurück in ihr Dorf kamen, war nichts gesät und gepflanzt. Zu kaufen gab es ja ohnehin nichts, aber die Selbstversorgung war überhaupt nicht vorbereitet und für viele Gemüse war es schon zu spät.
Die Rettung waren die wenigen zurückgebliebenen Einheimischen, die sich in der nicht weit entfernten Burgruine versteckt hatten und dort sowohl in den Gewölben Pilze gezüchtet, als auch um die Burg herum ein bisschen Gemüse gezogen hatten. Und dann teilte man das Pflanzgut so gut es ging.
Diese Erinnerung hat mich sensibel gemacht, denn wir können uns heute überhaupt nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, wenn man zu einem beträchtlichen Teil aus dem eigenen Garten leben muss.

Nachdem mich das und mein erstes Gartenjahr so ehrfürchtig haben werden lassen, hab ich versucht, mich ausschließlich saisonal zu ernähren, also nur zu essen, was entweder in meinem Garten wächst oder aber in unseren Landen gerade Saison hat (also in meinem Garten stehen würde, so ich denn einen hätte).
Zwar würde ich natürlich einen Großteil meiner Ernte als Vorrat einfrieren, aber da mir als Vergleichssituation ja immer gerne der Zustand vor ca. 100 Jahren dient, entfällt die Option erst mal für mich. Nein, ich wollte wirklich mal meinen Speiseplan mit dem bestreiten, was meine Oma zur Verfügung hatte. Zusätzliche Schwierigkeit ist hierbei, dass ich Gemüsekonserven nicht mag. Mais, grüne Bohnen, rote Bete, Linsen und ausnahmsweise noch Schwarzwurzeln gehen durch, alles andere finde ich schauderhaft. An haltbaren Gemüsevorräten gibt es für mich also nur noch Sauerkraut und Einlegegurken.
Mein Speiseplan wurde ab Dezember wirklich ernüchternd und ist jetzt, in der Fastenzeit (deren Sinn man dann augenblicklich versteht!), geradezu desaströs.
Ich hab wirklich viel Kohl gegessen, außerdem Möhren, Porree und Rübchen sowie Feldsalat und Spinat als Frischwaren, Hülsenfrüchte als Trockenprodukte, Lagerobst (...Äpfel), Sauerkraut. Aber inzwischen gibt es frisches Grünzeug fast nur noch aus dem südlicheren Ausland und ich sehne mich nach den ersten Radieschen - aus meinem Garten oder eben aus dem Supermarkt. Die einzige mediterrane Abwechslung waren die passierten Tomaten, die ich mir für eine Tomatensauce gönnte. Und Oliven. Ist ja auch eine Konserve... Die einzigen Ausnahmen, die ich mir erlaubt habe, waren Avocados und Bananen. Denn die kommen ganzjährig von weit her und daher ist es eine Grundsatzentscheidung, ob man sie isst oder nicht.
Einerseits erkennt man, wie eingeschränkt das Warenangebot ohne Auslandsgemüse ist, andererseits  wird einem bewusst, wie irrsinnig viel Energie wohl verbraucht wird, damit wir mitten im Winter Tomaten, Zucchini und Aubergine essen können.
Was saisonaler Gemüseeinkauf heißt, habe ich hier mal zusammengestellt.

Allerdings hat auch Garten-Reenactment seine Grenzen: hätte ich einen anständigen Acker, hätte ich auch einen Gefrierschrank.




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