Sonntag, 18. März 2018

Philosophen-Gemüse: über die soziale Bedeutung des Gartens



Ich stelle mir gelegentlich die Frage, was ein Garten und das Gärtnern mit mir als Mensch gemacht hat. Klar, es dient dem seelischen Gleichgewicht und dem körperlichen Ausgleich. Aber es hat mich auch in Kontakt gebracht oder besser: wieder in Kontakt gebracht mit Menschen, mit denen ich keine Kommunikationsgrundlage hatte. Platt gesagt: Gärtnern sorgt für Gesprächsstoff. 
In meinem Beruf bewege ich mich hauptsächlich unter meinesgleichen und da der 90% meiner Zeit und Gedanken in Anspruch nimmt, bin ich nicht gerade gesellig. Nicht mal ein Haustier habe ich (leider), und immer über das Wetter reden, ist keine dauerhafte Lösung. Irgendwann wird man zum Diogenes in der Tonne.

Das Gärtnern hat diesen Zustand aufgebrochen. Kaum fängt man an, Gemüse anzubauen, kommt man ins Gespräch. Man tauscht Erfahrungen, Jungpflanzen, Saatgut. Man teilt seine Ernte. Und schon der Akt des Teilens schafft eine Verbindung zwischen Menschen. Wer gibt, der bekommt (normalerweise) auch wieder und so bleibt ein Kontakt bestehen. Rübchen verschenkt, Freude gemacht. Saatgut verteilt, überzählige Jungpflanze zurückbekommen. Es entwickeln sich langfristige Beziehungen. Man zieht einem Freund aus einem Steckling ein Pflänzchen, man erkundigt sich, wie die abgegebene Jungpflanze gedeiht. Mit der Zeit spannt sich ein ganzes Versorgungsnetzwerk, in dem rege Produkte, Pflanzen und Saatgut ausgetauscht werden. Ich  baue keine Kartoffeln an, aber ich habe gegen Winterrettiche immer wieder ein paar Kilo Kartoffeln vom privaten Acker eingetauscht oder bin zu einem Glas heimischen Honig gekommen. Über den pragmatischen Effekt der zunehmenden Subsistenzwirtschaft hinaus, ist der soziale Aspekt des sich füreinander Interessierens und im Gespräch bleiben nicht zu unterschätzen. Gärtnern schafft Gemeinsamkeiten, gemeinsame Interessen und gemeinsame Ziele und damit Wertschätzung und Achtung füreinander. 

Ich erzähl's ja immer wieder gerne: vier Jahre lebe ich jetzt hier auf dem Land, aber außer meinen Kollegen im Institut kannte mich hier praktisch niemand. Seit ich gärtnere, kennt mich scheinbar das ganze Dorf. Einerseits sicher, weil der Garten quasi mitten im Dorf liegt und von allen begrüßt wurde, dass die kleine Wildnis wieder zum ansehnlichen Garten wurde. Andererseits ganz offensichtlich, weil ich etwas tue, was fielen Menschen nahe liegt. Gerade hier auf dem Land gibt es naturgemäß viele Leute, die zumindest irgendwann im Leben mal gegärtnert haben. Und so stehen sie an meinem Gartenzaun und schauen nicht nur, wie der Garten sich verändert, sondern sie fragen, was  und wie. Sie nehmen teil an dem, was ich tue.

Zuguterletzt: Gärtnern ist ein Akt des Widerstandes. Gegen Abhängigkeit, gegen Bevormundung, gegen Vereinheitlichung. Wer gärtnert, ist ein Stück weit unabhängiger. In allen Gärtner*innen, zumindest den ökologischen, steckt ein Rebell. Denn man gärtnert gegen die Ausbeutung von Ressourcen, die Ausrottung von Vielfalt und gegen schwindende Qualität der Nahrungsmittel. Jedesmal, wenn ich samenfestes Saatgut verschenke und dazu ermuntere, es weiter zu vermehren, habe ich das Gefühl, ein winziges Stück dazu beizutragen, dass wir auch in hundert Jahren noch nicht völlig die Selbstbestimmung über unsere Nahrungsmittel verloren haben. Wer Gemüse anbaut, behält die Kontrolle und die Entscheidungsfreiheit über das, was er isst.
Dieser Drang nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ist ein ganz wesentlicher Antrieb für meinen Gemüseanbau, selbst wenn ich von Selbstversorgung weit entfernt bin. Die bloße Tatsache, dass ich in der Lage bin, aus einem Saatkorn etwas Essbares zu ziehen, verschafft mir das Gefühl, etwas mehr Herr über meine Existenz zu sein. Das vervielfacht sich noch, wenn man im Verbund gärtnert und eine regelrechte kleine Subkultur entfaltet.
Fassen wir zusammen: einen Garten zu kultivieren, bringt Menschen in Verbindung und macht sie gleichzeitig unabhängiger.
Fast schon ein Paradoxon...

Platzmangel in der Pflanzen-WG

So schaut's aus. Alles eng und ungeduldig. Die Nerven liegen blank, auch beim Mitbewohner, der das sich ausbreitende Gemüse im Not-Gewächshaus (=Wohnzimmer) inzwischen als Bedrohung empfindet.


Das Wetter will ich gar nicht kommentieren. Nur so viel: als ich gestern nach Hause ging, roch es im Schlosshof nach Glühwein. Und das war keine Einbildung.
In der Anzuchtschale herrscht Stress, ich musste jetzt düngen, weil ich eigentlich keine Lust habe, das ganze Gemüse erst nochmal in größere Töpfe zu setzen, bevor es dann in den Garten kommt.

Aber im Garten liegt Schnee, aus dem der Knoblauch verdutzt rausschaut. Tja, letzte Woche noch leicht bekleidet im Garten gegräpelt, diese Woche bis zur Nase in Mantel und Schal eingewickelt.
Ich sag' nix mehr dazu.

Montag, 12. März 2018

Da wären wir wieder

Die Temperaturen waren zwingend und so war an diesem Sonntag jener Tag, an dem für alle sichtbar die Saison in meinem Gärtlein startet. Die Vliese kamen von den Beeten und dann kam die Ernüchterung: trotz Unkrautvlies purer Wildwuchs, obwohl ich schon im Herbst tausende Blumenzwiebeln und Unkräuter ausgegraben hatte.
*seufz*
Also nochmal. Grabegabel, Erdsieb, die Beete durchsieben. Und das ist ein Knochenjob, denn die Erde ist noch nass und schwer. Aber ich wollte so gern einsäen...
:-(

Und dann die Frage: Knoblauch oder Tulpen? In meinem Knoblauchbeet schauten allerlei grüne Spitzen aus der Erde hervor, wesentlich mehr als ich im Herbst gesetzt hatte. Und das Ratespiel begann. Der einzige Anhaltspunkt war abzuschätzen, welcher Schlot in der geraden Reihe steht (=Knoblauch) oder welcher daneben (=Tulpe). Einmal hab ich dann doch versehentlich eine Knoblauchzehe ausgegraben. :-P
Knoblauch...

...Tulpe. Oder war es doch umgekehrt?!? 













Wenn man im Garten steht und sich umsieht, möchte man ja am liebsten alles gleichzeitig machen: die Beete vorbereiten, aussäen, die Sträucher stutzen, die Rosen schneiden, das Laub zusammenfegen und und und. Der Tag ist gar nicht lang genug. Am Ende waren zwei Beete startklar, wieder einmal hunderte Blumenzwiebeln ausgegraben und teilweise anderswo wieder eingegraben und das Frühbeet vorbereitet (und Radieschen gesät), so dass der Kasten nun gekauft werden kann.


Nach einem langen Winter in der Bibliothek entspricht meine körperliche Fitness etwa der eines Vanillepuddings, deshalb war ich am Abend entsprechend erledigt und mein Rücken ein Katastrophengebiet.

Sonntag, 4. März 2018

Über die Sprengkraft von Kokoserde

Ich geb's zu, der Titel sollte dramatisch klingen. Aber die Tatsache dass ich mit aufquellendem Kokossubstrat meinen Erdeimer  ruiniert habe, war gar nicht das Ereignis des Tages, sondern die 15°C in der Sonne: Frühlingsalarm!!!
Die Aussaatplatte landete schließlich an der frischen Luft, genau wie ich.





Die Sämlinge sind nach zwei Wochen schon groß und heute musste ich ausdünnen. Da zeigt sich mal wieder, was Biosaatgut ist: die Tagetes waren konventionelles Saatgut und hatten einen Keimausfall von fast 50%, während die Biosaaten wachsen wie verrückt.



Die Ackerbohnen kamen heute endlich in Anzuchttöpfe. Bis der Boden nach den zwei Tiefkühlwochen wieder aufgetaut ist und ich direkt säen kann, dauert es zu lange. Dann wird's April bis sie auflaufen. Und so stehen sie kühl in meinem Pseudogewächshaus zwischen den Fensterscheiben im Büro.

Der sommerhafte Tomatenduft, den die Jungpflanzen bei Berührung schon verströmen, stand noch in eigenartigem Kontrast zur kargen Landschaft draußen:










Und das mit dem Kokossubstrat.. nun ja, ich wollte den Würfel von 10x10cm in einem handelsüblichen Eimer mit warmem Wasser aufquellen lassen. Dabei hat er sich allerdings so ungünstg ausgedehnt, dass er sich erst verkeilt, dann den Eimer verformt und schließlich mit einem unschönen Geräusch aufplatzen ließ. Ganz schön durchsetzungsstark...
Da wurde mein Wunsch nach einer guten alten Zinkwanne wieder wach.

Zum Schluss gab's Teestunde in der Sonne auf dem Balkon. Wenn' nur so schön weiterginge...