Sonntag, 22. April 2018

Das "In-den-Baumarkt-Gen"

Nach all den Stationen, die ich - nicht nur geographisch - hinter mir habe, war kaum abzusehen, dass der Saarländer eines Tages so durchbrechen würde, aber ich war kreuzfidel, als ich durch die nahegelegene Filiale der Baumarktkette meiner Heimat geschlendert bin. Andere Mädels lieben schwedische Möbelhäuser, ich lieben den Baumarkt.
Vorbei an Gartengeräten und Jungpflanzen ging's diesmal in die Gartenbauabteilung, denn es brauchte einen Rankobelisk. Der schiefe Strauch auf dem Wegekreuz braucht ein bisschen Unterstützung. Und nun, nachdem er ein paar Zweige lassen musste, als ich ihn in den Obelisk manövriert habe, steht er gerade und der Garten hat wieder einen Blickfang mehr.

Flankiert von ein paar Beetperspektiven:





Die Ordnung im Chaos

Als ich gestern den ganzen Tag in meinem Gärtlein gräpelte und werkelte, hab ich immer wieder auch mal nur da gestanden und den Garten aus den verschiedenen Perspektiven betrachtet. Es ist schon ein wildes Durcheinander... Aber das liegt nicht nur daran, dass ich nicht genügend Zeit habe, ständig jede Ecke 'in Ordnung' zu halten oder dass ich so extravagant Gemüse durcheinander pflanze und säe. Es ist auch eine Entscheidung, dem Garten seinen Willen zu lassen oder besser gesagt, seinen und meinen Willen unter einen Hut zu bringen. Die Natur darf sich ausbreiten, so lange sie nicht eindeutig meine Absichten durchkreuzt, auch meine Gemüsepflanzen wachsen zu lassen. Und in der Rabatte... nun ja... da experimentiere ich noch an einem Konzept. Prinzipiell lasse ich bestimmte Wildkräuter stehen, vor allem, wenn sie hübsch aussehen und sich nicht aggressiv ausbreiten. Alle Arten aggressiven Verhaltens im Garten ist verboten - gilt auch für die Pflanzen. So musste der mutmaßliche Topinambur gestern auch schon einige Zweige lassen, weil er das Veilchen und das Eisenkraut zu ersticken drohte. So geht's nicht...

In den Beeten toleriere ich das Beikraut weniger, weil es direkt in Konkurrenz zum Gemüse steht. Die Tulpen und Narzissen am Rand, ja, das hat Charme. Aber sonst hat das Gemüse Vorfahrt. Und da ich Sparfuchs jedes Möhrchen einzeln säe und keine Markiersaat verschwende, stand ich also gestern vor der Frage "Ist das ein Möhrchen oder kann das weg?" Das war eine echte Pitzelei, Beikraut von Möhrenkraut zu unterscheiden und das richtige auszuzupfen... Gleiches bei den Pastinaken. Und besonders heikel wird es bei Schnittlauch und Haferwurz, die in ihrer Jugend praktisch identisch aussehen wie Traubenhyazinthenkraut - und davon gibt es immernoch genügend dazwischen.

Zerkleinertes Unkraut wird inzwischen als Mulch verwendet. Das Experiment war ganz erfolgreich, auch wenn das Abzupfen der Wurzeln vorher einen Arbeitsschritt mehr bedeutet. Auch Grünschnitt im Beet sieht für den Naturbezwinger verheerend aus und ich frage mich, was man im Dorf so munkelt über meinen Garten.

Andererseits: Ordnung ist eine Form geistiger Bequemlichkeit. Im Chaos wirklich den Überblick zu behalten ist hingegen eine Herausforderung.

Der Gartenstatus Ende April:

Weder Ordnung noch Chaos...

Dienstag, 17. April 2018

Die grüne Explosion

Da ist sie nun! Eine Woche Sonne&Regen-Mix und ich erkenne mein Gärtlein nicht wieder. Habe ich letzte Woche noch die Winterreste von den Beeten gegrast und alles sah etwas *nackt* aus, ist nun die Rabatte fast komplett überwuchert und auch auf den Gemüsebeeten sprießt wahlweise Gemüse, Unkraut oder beides. Auch die Rosen lassen kaum noch erkennen, dass ich sie letzte Woche gestutzt habe. Und Tulpen! Es wird ein Blumenmeer, wenn all die Tulpen in den nächsten Wochen aufblühen, die ich letzten Herbst verpflanzt habe. Die einzelnen roten Farbtupfer sind da erst der Anfang... Dass sie teilweise so wild am Beetrand stehen, kann und will ich gar nicht ändern, auch wenn der Mitbewohner immer mit den Augen rollt. Es ist eine Charaktereigenschaft meines Gartens, dass er überall Spuren seines verwilderten Ziergartenlebens trägt :-)

Der Beetstatus:

Tulpengruß an meinen Krankenhäusler - natürlich fototechnisch möglichst brilliant :-)

Sonntag, 8. April 2018

Gartenherzschlag

58 zu beantwortende Mails am Tag, 60h, 6 Tage, wenn dann noch Ärgernisse, Rückschläge und Frust hinzukommen und sich das Gefühl manifestiert, man müsse sich vierteilen, um allem gerecht zu werden, was auf den eigenen Schreibtisch getragen wird, kommt man samstags abends zu dem Schluss: Es läuft überhaupt nicht rund.
Kommt das irgendwie bekannt vor?
Wenn man dann sonntags morgens aus einem kurzen komatösen Schlaf aufwacht, ist alles schlagartig aus dem Kopf verschwunden: Es ist Gartentag.
Ganz ehrlich, würde man mich dann im Laufe des Tages irgendwo zwischen den Sträuchern in den Beeten aufgabeln, ich wüsste überhaupt nicht mehr, worüber ich mich als letztes geärgert habe, so weggetreten bin ich manchmal, regelrecht entrückt. Hinter dem Gartentor herrscht Ruhe. Da gibt es nur Pflanzen, Tiere und mich. Manchmal noch den Mitbewohner als erwünschten Gast. Ich gehöre dann meinem Projekt, meiner Idee vom grünenden, blühenden Kraut- und Küchengarten. Ich spüre auch die Zeit nicht mehr. Sie vergeht zähflüssig und unbemerkt und wenn dann der Mitbewohner plötzlich mit Brezel und Erfrischung am Gartenzaun steht, weil Mittagszeit ist, wundere ich mich... Auch die Prioritäten verschieben sich dann. Die Fragen nach Saattiefe und Keimdauer sind relevant, wie man Gießwasser sparen könnte und wieviel Rankhilfe die Erbsen wohl brauchen. Von 2.0-Problemen zu den grundsätzlichen Fragen von leben oder nicht leben. Hortus creationis - hortus felix.

Der Sonntag war so ein Tag, an dem ich der schalen Welt abhanden gekommen bin. Schon beim Frühstück zappelig, weil draußen die Sonne schien und dann endlich: Gartentor zu, Ruhe.
Es war wahrlich ein Großkampftag und das musste es auch sein, denn erst am Ende des Monats werde ich wieder Zeit haben, wirklich zu buddeln. Und so begann der Gartentag wie immer mit Beete "entzwiebeln". Danach habe ich endlich gesät: Erbsen, Melde, Haferwurz und Möhrchen, außerdem Rettich und Radies. Dann wurden die jungen Zwiebeln gepflanzt.
Am Mittag kam sie dann zum Einsatz: meine neue, sündhaft teure Schweizer Gartenschere, die im Gärtlein zukünftig alles durchbeißen soll, vor allem die Rosen. Sie schneidet wunderbar, aber dennoch nicht von selbst. Kleine Pfoten müssen da trotzdem kräftig zupacken, wenn die Äste dicker sind. Aber sie wird ihr Geld wert sein. Mit ihr habe ich die Rabatte aufgeräumt, die Rosen gestutzt und alles alte, vertrocknete an den Sträuchern weggeschnitten. Aus dem Altholz wurde dann kurzerhand eine Rankhilfe für die Erbsen. Nichts ist befriedigender, als wenn aus vermeintlichem Abfall eine kreative Idee entsteht.

Der Küchengarten Anfang April
Erbsen gesät

Erbsen- und Salatbeet

Experiment: mit Unkrautlaub gemulcht

Die wild am Beetrand wuchernden Tulpen geben dem Garten einen gewissen Charme

Die Ackerbohnen
*Salatleuchten*: Der Pflücksalat im Abendlicht


Das größte akute Problem war der Wassermangel. Die Leitung war noch vom Winter zugedreht und ich hatte keinen Zugang zum Absperrhahn... die Regentonne war aber nach zwei Gießkannen schon leer! Das ließ sich inzwischen immerhin lösen, denn zumindest die Aussaaten brauchen zum Start ein bisschen Wasser. Aber in dem Moment begreift man, wie essentiell eine Wasserquelle ist und wie *aufgeschmissen* man ist. Kein Wasser, kein Gemüse.

Zum guten Schluss hatte ich mir einen leichten Sonnenbrand eingefangen. Typischer Fehler zum Saisonauftakt: die Sonne habe ich total unterschätzt, im Gegenteil richtig genossen, mich einmal durchgrillen zu lassen.

Am Abend spürt man dann jeden Knochen, aber das ist ein sicheres Zeichen, dass man lebt :-)


Sonntag, 1. April 2018

Schöne Ostertage!

Was wild wächst im Gemüsebeet, aber wenigstens hübsch am Rand steht, darf erstmal bleiben, wie diese kleine Osterglocke.

Ende März: Pflanztag

Jetzt sind sie draußen, die Gemüsebabys. Und langsam wird ein Garten daraus.
- Aber vorher wieder erst gefühlt 300 Blumenzwiebeln rausgeholt. Im 17. Jahrhundert wäre ich damit reich geworden! Irgendeine Pestilenz hat wohl jeder Garten...

Dann war es soweit: die vorgezogenen Ackerbohnen, Salate, Kräuter und Kohlrabi dürften ins Beet. Zum Säen kam es aber nicht mehr, da wurde es schon dunkel.
Es war Karfreitag und man rechnete mit seltsamen Blicken von Feiertagsspaziergängern, wenn ich im Garten wühle und grabe, aber ich sage mir: im Garten zählt der Blick zum Wetter und nicht auf den Kalender.
Jetzt hoffe ich mal, dass die emsigen Amseln die Schnäbel vom Gemüse lassen.

Ein Rundgang im Küchengarten Ende März, nachdem das Gartenjahr mit fast vier Wochen Verspätung in Gang kam:

Ruhe vor der grünen Explosion: der Garten Ende März
Ackerbohnen

Salatparzelle: Kopf- und Pflücksalat, Schnittlauch

Spargelsalat, begleitet von Schnittlauchbüscheln
Knoblauch in Reih' und Glied

Blauer Kohlrabi im Kohlbeet

Sternhyazinthe hat ihren großen Auftritt

Sonntag, 18. März 2018

Philosophen-Gemüse: über die soziale Bedeutung des Gartens



Ich stelle mir gelegentlich die Frage, was ein Garten und das Gärtnern mit mir als Mensch gemacht hat. Klar, es dient dem seelischen Gleichgewicht und dem körperlichen Ausgleich. Aber es hat mich auch in Kontakt gebracht oder besser: wieder in Kontakt gebracht mit Menschen, mit denen ich keine Kommunikationsgrundlage hatte. Platt gesagt: Gärtnern sorgt für Gesprächsstoff. 
In meinem Beruf bewege ich mich hauptsächlich unter meinesgleichen und da der 90% meiner Zeit und Gedanken in Anspruch nimmt, bin ich nicht gerade gesellig. Nicht mal ein Haustier habe ich (leider), und immer über das Wetter reden, ist keine dauerhafte Lösung. Irgendwann wird man zum Diogenes in der Tonne.

Das Gärtnern hat diesen Zustand aufgebrochen. Kaum fängt man an, Gemüse anzubauen, kommt man ins Gespräch. Man tauscht Erfahrungen, Jungpflanzen, Saatgut. Man teilt seine Ernte. Und schon der Akt des Teilens schafft eine Verbindung zwischen Menschen. Wer gibt, der bekommt (normalerweise) auch wieder und so bleibt ein Kontakt bestehen. Rübchen verschenkt, Freude gemacht. Saatgut verteilt, überzählige Jungpflanze zurückbekommen. Es entwickeln sich langfristige Beziehungen. Man zieht einem Freund aus einem Steckling ein Pflänzchen, man erkundigt sich, wie die abgegebene Jungpflanze gedeiht. Mit der Zeit spannt sich ein ganzes Versorgungsnetzwerk, in dem rege Produkte, Pflanzen und Saatgut ausgetauscht werden. Ich  baue keine Kartoffeln an, aber ich habe gegen Winterrettiche immer wieder ein paar Kilo Kartoffeln vom privaten Acker eingetauscht oder bin zu einem Glas heimischen Honig gekommen. Über den pragmatischen Effekt der zunehmenden Subsistenzwirtschaft hinaus, ist der soziale Aspekt des sich füreinander Interessierens und im Gespräch bleiben nicht zu unterschätzen. Gärtnern schafft Gemeinsamkeiten, gemeinsame Interessen und gemeinsame Ziele und damit Wertschätzung und Achtung füreinander. 

Ich erzähl's ja immer wieder gerne: vier Jahre lebe ich jetzt hier auf dem Land, aber außer meinen Kollegen im Institut kannte mich hier praktisch niemand. Seit ich gärtnere, kennt mich scheinbar das ganze Dorf. Einerseits sicher, weil der Garten quasi mitten im Dorf liegt und von allen begrüßt wurde, dass die kleine Wildnis wieder zum ansehnlichen Garten wurde. Andererseits ganz offensichtlich, weil ich etwas tue, was fielen Menschen nahe liegt. Gerade hier auf dem Land gibt es naturgemäß viele Leute, die zumindest irgendwann im Leben mal gegärtnert haben. Und so stehen sie an meinem Gartenzaun und schauen nicht nur, wie der Garten sich verändert, sondern sie fragen, was  und wie. Sie nehmen teil an dem, was ich tue.

Zuguterletzt: Gärtnern ist ein Akt des Widerstandes. Gegen Abhängigkeit, gegen Bevormundung, gegen Vereinheitlichung. Wer gärtnert, ist ein Stück weit unabhängiger. In allen Gärtner*innen, zumindest den ökologischen, steckt ein Rebell. Denn man gärtnert gegen die Ausbeutung von Ressourcen, die Ausrottung von Vielfalt und gegen schwindende Qualität der Nahrungsmittel. Jedesmal, wenn ich samenfestes Saatgut verschenke und dazu ermuntere, es weiter zu vermehren, habe ich das Gefühl, ein winziges Stück dazu beizutragen, dass wir auch in hundert Jahren noch nicht völlig die Selbstbestimmung über unsere Nahrungsmittel verloren haben. Wer Gemüse anbaut, behält die Kontrolle und die Entscheidungsfreiheit über das, was er isst.
Dieser Drang nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ist ein ganz wesentlicher Antrieb für meinen Gemüseanbau, selbst wenn ich von Selbstversorgung weit entfernt bin. Die bloße Tatsache, dass ich in der Lage bin, aus einem Saatkorn etwas Essbares zu ziehen, verschafft mir das Gefühl, etwas mehr Herr über meine Existenz zu sein. Das vervielfacht sich noch, wenn man im Verbund gärtnert und eine regelrechte kleine Subkultur entfaltet.
Fassen wir zusammen: einen Garten zu kultivieren, bringt Menschen in Verbindung und macht sie gleichzeitig unabhängiger.
Fast schon ein Paradoxon...