Freitag, 8. Juni 2018

Über nützliche Schädlinge und Qualitätsmanagement

Es vergeht kein Tag, an dem sie mich nicht nerven, die Blattläuse. Sie hängen bedrohlich an meinen Ackerbohnen, haben den Salbei in Beschlag genommen und verfolgen mich buchstäblich bis nach Hause auf meinen (Salat-)Teller.

In meiner kurzen Mittagspause war mir heute nicht nach essen, weshalb ich unentschlossen in einem Beilagensalat in der Mensa rumgestochert habe und - Automatismus - unbewusst Blattläuse gesucht habe. Aber da waren keine. Keine einzige. Den Salat hätte ich einfach so essen können, ohne ungebetene Beilage. Eigentlich erfreulich, kam mir das doch plötzlich verdächtig vor. Es ist relativ klar, dass das nicht nur an den Putzmethoden der Großküche liegt, sondern schon auf dem Feld sämtliche Salatbesetzer vertrieben wurden. Vermutlich mit etwas, das man nicht aussprechen  und streng genommen wohl auch nicht essen kann. Deshalb vergreift sich keine Blattlaus und auch sonst nichts Lebendiges mehr an diesem *Gemüseprodukt*. Da drängt sich mir allerdings die Frage auf:

WARUM SOLL ICH EIGENTLICH AN DIE QUALITÄT MEINES ESSENS GERINGERE ANSPRÜCHE STELLEN ALS EINE   B L A T T L A U S ??? Halloooo?

Also nochmal von vorn. Umparken im Kopf. Perpektivenwechsel: Blattläuse in meinem Salat und am Gemüse im Garten sind so gesehen etwas sehr erfreuliches, nämlich ein Statement über die Qualität meiner Nahrungsmittel. Dass die Krabbler alle bei mir sitzen und nicht in den Chemietrutzburgen in der Umgebung ist zwar wirklich lästig, manchmal auch schädlich, aber sie kommen ja nicht grundlos zu mir, sondern weil es bei mir das beste Essen gibt.
Nicht, dass ich meine Schädlingsgemeinschaft jetzt heilig sprechen möchte. Ich bin heilfroh, dass der Kohlweißling den Kohlrabi bisher einfach nicht gefunden hat, da offensichtlich die reich blühenden Rosen daneben den Duft überdecken. Und, ja, ich weiß, mein Garten ist von Natur aus schneckenfrei, ich Glückliche. Aber man kann das Ganze auch mal positiv sehen, die Läuse zu Lästlingen erklären und sie als Teil des Qualitätsmanagements begreifen. Dass sie nicht Überhand nehmen, regeln ja letztlich die Nützlinge, die auch nur vorbeischauen, weil mein Garten kein Drohpotenzial hat, dafür aber ein paar Futterpflanzen extra für tierische Mitarbeiter.

Beim nächsten Mal angesichts einer Horde schwarzer Läuse an der Bohnenstange, mache ich mir also bewusst, dass es eigentlich gar nicht um die Frage geht "giftfrei oder blattlausfrei?" sondern um die Frage, wessen Speise das Gemüse letztlich wird: meine oder die der Laus? Ich denke, da bin ich langfristig der Laus dann doch strategisch überlegen...

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