Freitag, 6. Mai 2016

Gärtner-Roulette


und Gedanken zu Erste-Welt-Problemen

Es ist soweit: die erste Radieschenernte! Bisher gab es ja nur ein paar Kräuter und hin und wieder eine Portion Spinat, aber jetzt! Jetzt gibt es mal etwas zu beißen: die Radieschen drängten sich zur Ernte.

Zwischen die Reihen junger Radieschen wurde sogleich neu gesät, dazu gesellt haben sich vier gelbe Bete und in der Mitte bleibt Platz für eine Kohlrabiknolle, die – tadaa – in der Anzuchtschale schon ihre beiden ersten Blätter ausgestreckt hat. Der Spinat hat jetzt auf „Produktion“ umgestellt und wächst wie irre, ich könnte alle drei Tage ernten.

Soweit das Gartenglück.

Es passierte, als ich mal wieder verträumt im Garten saß und die Pfanzen beim Wachsen beobachtete: eine sehr verdächtige, kleine weiße Raupe im Topf bei den frisch gesäten Stangenbohnen. Das kann doch nicht wahr sein! Da sähe ich in einem einzigen Topf auf einem Balkon im Wohngebiet Stangenbohnen und schon ist die Bohnenfliege um die Ecke?!? Bohnenalarm! Sofort evakuierte ich die gesäten Bohnenkerne in meine Anzuchtstation in neue Erde und säte gleich nochmal neue zusätzlich, sicher ist sicher. Die anschließende Recherche um die böse bohnenfressende Fliege erklärte auch den Wachstumsstillstand und die deformierten Blätter an zwei meiner Buschbohnen, die ich daraufhin aus dem Topf nahm. Weitere Opfer.

Wenn ich ehrlich sein soll, frage ich mich, wie die Menschheit so lange überlebt hat. Es kann so viel schief gehen beim Gemüseanbau, man muss sich gegen so viele Konkurrenten zur Wehr setzen, die einem das Essen streitig machen. Dazu kommen Pflanzenkrankheiten. Und vom Wetter hängt man auch noch ab. Genau genommen ist Gemüseanbau ein Glücksspiel.
Meine 95jährige Oma, die die Welt noch ohne Plastik, Waschmaschine, Kühlschrank, Supermarkt und eben auch ohne Pflanzenschutzmittel kannte, antwortete darauf angesprochen lapidar „Dann hatte man halt weniger zu essen.“
Wie jetzt?!
Nutzgärtnern flößt einen enormen Respekt ein. Weniger vor der Nahrungsmittelindustrie mit ihren vielen technischen und chemischen Hilfsmitteln, sondern vor den Zeiten, in denen es das alles nicht gab oder aber den Ecken der Welt, in denen es das bis heute nicht gibt. Die ständige, nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, auch außerhalb ihrer Saison, gehört viel zu selbstverständlich zu unserer Lebenswelt und hat uns völlig verhätschelt.Würde ich von meinem eigenen Gemüse leben müssen - abgesehen von meiner viel zu kleinen Anbaufläche – ich bekäme Existenzängste.
Im Januar und Februar habe ich mal versucht, nur von dem zu leben, was aus dem einheimischen Gemüseanbau saisonal oder aus der Winterlagerung verfügbar war. Mein Speiseplan bestand hauptsächlich aus Hülsenfrüchten, Kartoffeln, Kohlsorten, mehr Porree als mir lieb war, Feldsalat und lagerfähigem Obst. Eintönig, wenn man es mal einige Wochen durchhält. Und viele Gemüsekonserven finde ich grauenvoll, weshalb ich sie verschmähte. Ich habe schmerzlich mein Sommergemüse wie Tomaten, Zucchini und Auberginen vermisst, oder mal eine Banane... aber es wurde mir ganz komisch, wenn auf dem Etikett zu lesen war, wie weit das Gewächs gereist war.

Man sieht sein Radieschen mit anderen Augen, wenn man es selbst aus der Erde zieht.
Aus dem Laub habe ich übrigens ein sehr leckeres, würziges Pesto gemacht, dass meine Salatdressings veredelt. Nichts vom Radies soll übrig bleiben.

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