Montag, 23. Mai 2016

Gärtner-Seelsorge


Nee, es geht nicht um therapeutisches Gärtnern, um der geschundenen Seele des naturfernen Stadt- und Büromenschen Gutes zu tun.Es geht mir heute hier um den Gärtner, der mit Herzblut seine Beete pflegt, liebevoll täglich seine Pflanzen hegt und der eher zu viel als zu wenig Gedanken dem Wohl seines Grünzeugs widmet. Diesen Gärtner-Typus trifft es denn auch am härtesten, wenn's im Beet kriselt.Ich habe mich schon selbst ertappt, wie ich im Angesicht eines aufkeimenden Problems den Tränen nahe war. Wieso in meinem Garten? Wieso nicht auf dem Nachbarbalkon?? Bin ich eine schlechte Gärtnerin? Habe ich nicht genug aufgepasst? Etwas übersehen?

Es ist das Hadern mit dem bloßen Schicksal einerseits, aber auch die Selbstzweifel und – was ich am schlimmsten finde – die RATLOSIGKEIT. Wenn man hilf- und ahnungslos zusehen muss, wie die zukünftige Ernte dahinschwindet und das Problem einfach nicht identifizierbar ist. Das Essen stirbt mir sozusagen unter den Händen weg und ich sitze am Beetrand und muss zusehen...

Das sind die schlimmsten Momente im Garten-Leben. Und niemand spricht gerne darüber, denn man will sich und schon gar nicht dem anderen Gärtner gegenüber eingestehen, dass es nicht rund läuft im Beet. Jeder möchte den blühenden Hort, die reiche Ernte, wo die Radieschen nur so aus der Erde ploppen und die Sommerblumen um die Wette strahlen.



Seid ehrlich, die Wahrheit sieht anders aus. In der Realität kommt es mir manchmal wie ein dauerhafter Darwinistischer Kriegszustand vor: täglich muss man sich erwehren gegen Krankheiten, Schädlinge, Wettereinflüsse. Jeder will einem ans Gewächs, sei es ein Krabbeltier, ein Pilz oder ein Virus – und sie wollen ja eigentlich alle nur das eine: überleben und ihre Art erhalten. Man ist fast versucht, Verständnis aufzubringen, aber letztlich bin ich als Kultivierer ein Teil dieser unerbittlichen Überlebensschlacht. Wer milde ist, verliert. Ein Bio-Garten ist Überleben des Stärkeren in Reinkultur, face to face, mit einfachsten Waffen.
Wären wir die Krone der Schöpfung, müssten wir diesen Kampf nicht stets gewinnen?

Ok, genug Drama.

Eigentlich wollte ich ja einfach nur mal über mein Garten-Weh sprechen.

Mein großer Coup in meinem kleinen Hortus felix ist die Bohnenkultur. Mit insgesamt einem Dutzend (!) Pflanzen wollte ich an der Bohnen-Selbstversorgung kratzen. Alles fing so gut an, die Keimrate war hoch, die Pflänzchen stark, als ich sie auspflanzte. Und dann ging's los: erst bricht starker Wind auf meinem sehr exponierten Balkon dem einen Buschbohnen-WInzling die beiden größten Blätter ab. Dann kam ein Wachstumsstillstand. Sie scheinen sich keinen Zentimeter mehr zu bewegen. Liegt es an den Radieschen, die auch (noch) im Topf sitzen?

Und von den Stangenbohnen hab ich ja bereits berichtet... Nur die wackre Biobohne, die bewundere ich mit größtem Respekt, hatte ich Bio-Saatgut doch prinzipiell für empfindlicher und weniger ertragreich gehalten – aus dem naiven Glauben heraus, sie seien ihrer Wildform näher oder einfach nicht so ausgezüchtet.

Über das Trauerspiel im Basilikumtopf mag ich gar nicht mehr erzählen. Kamille und Ringelblumen sind auch in den Stand-by-Modus gewechselt. Ausdünnen, düngen, alles nix genutzt. Liegt es an den paar Tagen trübem Wetter, dass sich nix mehr bewegt??? Auch die Radieschen sind wachsfaul geworden.

Vielleicht ist es wieder meine Ungeduld. Oder mein Unwissen in meiner ersten echten Gartensaison. Denn so viel wie ich auch gelesen habe – Lesen ist ja meine Generalwaffe gegen alle Probleme – Erfahrung habe ich nun mal nicht besonders viel. Muss mich nervös machen, dass Robert, mein Kohlrabi, erst vier Zentimeter hoch ist? Und die gelben Beten noch kleiner?

Herrje, ich bin so ahnungslos und sorgenvoll...

Ich weiß, ich sollte nicht so viel jammern. Es gab eine prima Spinaternte und die erste Runde Radieschen war klasse. Petersilie und Salatrauke wachsen tadellos und die Möhren lassen bisher Gutes hoffen.

Perfektionismus ist, glaube ich, unangebracht im Bio-Garten. Nicht jedes Samenkorn wird die perfekte Pflanze hervorbringen. Das Suboptimale ist fester Teil des Gartenlebens.

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